Bert Brecht, Maßnahmen gegen die Gewalt (17.1.2003)

Vorgegebener Text

Als Herr Keuner, der Denkende, sich in einem Saale vor vielen gegen die Gewalt aussprach, merkte er, wie die Leute vor ihm zurückwichen und weggingen. Er blickte sich um und sah hinter sich stehen - die Gewalt.

"Was sagtest du?" fragte ihn die Gewalt. "Ich sprach mich für die Gewalt aus", antwortete Herr Keuner.

Als Herr Keuner weggegangen war, fragten ihn seine Schüler nach seinem Rückgrat.

Herr Keuner antwortete: "Ich habe kein Rückgrat zum Zerschlagen. Gerade ich muß länger leben als die Gewalt."

Und Herr Keuner erzählte folgende Geschichte: In die Wohnung des Herrn Egge, der gelernt hatte, nein zu sagen, kam eines Tages in der Zeit der Illegalität ein Agent, der zeigte einen Schein vor, welcher ausgestellt war im namen derer, die die Stadt beherrschten, und auf dem Stand, daß ihm gehören soll jede Wohnung, in die er seinen Fuß setzte, ebenso sollte ihm auch jedes Essen gehören, das er verlange; ebenso sollte ihm auch jeder Mann dienen, den er sähe.

Der Agent setzte sich in einen Stuhl, verlangte Essen, wusch sich, legte sich nieder und fragte mit dem Gesicht zur Wand vor dem Einschlafen: "Wirst du mir dienen?"

Herr Egge deckte ihn mit einer Decke zu, vertrieb die Fliegen, bewachte seinen Schlaf, und wie an diesem Tage gehorchte er ihm sieben Jahre lang. Aber was immer er für ihn tat, eines zu tun hütete er sich wohl: das war, ein Wort zu sagen.

Als nun die sieben Jahre herum waren und der Agent dick geworden war vom vielen Essen, Schlafen und Befehlen, starb der Agent.

Da wickelte ihn Herr Egge in die verdorbene Decke, schleifte ihn aus dem Haus, wusch das Lager, tünchte die Wände, atmete auf und antwortete: "Nein."

Eigentlicher Aufsatz

Liebes Tagebuch!

Ich fange an, mich zu fragen, ob es überhaupt einen Sinn hat, weiter zu schweigen. Der Agent lebt jetzt schon so lang bei mir und ich hab noch kein Wort mit ihm gesprochen. Ich kenne noch nicht einmal seinen Namen. Vielleicht soll ich doch mit ihm reden.

Nein, es reicht mir schon, dass ich dem Agent dienen muss, ich will nicht noch mit ihm reden. Wenn ich mit ihm rede, sage ich entweder Ja, oder er erkennt, dass ich gegen ihn bin und er wird die Polizei holen. Ich stimme dann ja dem ganzen Leid zu, das in der Stadt passiert, seit diese Leute die Stadt regieren. Ich bin nicht so, wie die anderen Leute, die den Agenten, die zu ihnen kommen, einfach dienen ohne sich zu überlegen, was sie tun. Einige haben sogar "richtige" Freundschaften mit den Agenten aufgebaut, aber sie merken gar nicht, dass sie nicht mehr frei sind. Sie sind immer an das gebunden, was der Agent will. Sie sind nur damit beschäftigt, zu schauen, dass es dem Agent gut geht. Aber ich werde zwar dem Agent alles geben, was er will, aber ich werde mir niemals um seine Gesundheit sorgen machen. Je schneller er dick wird, desto schneller stirbt er und umso schneller hab ich Zeit, mich dem Unrecht im Verborgenen entgegenzustellen.

Jetzt muss ich aber aufhören, der Agent kommt.